Verregnet in der Einsamkeit
Geschrieben von: Claude
|
04. August 2010
Nach drei Tagen Soloanreise bin ich heute wieder auf Martin Bissig und mein Team gestossen, die mit dem Jeep hierher gefahren sind. Das Wetter ist schlecht, seit gestern Abend regnet es wie verrückt und die Berggipfel um uns herum sind weiss verschneit. Unsere einheimischen Begleiter sagen, sie haben noch nie solches Wetter im August erlebt. Besonders die Anfahrt heute über die nassen Wege hat mich körperlich ausgelaugt, aber ich versuche mich hier auf 5300 m ü. M so gut wie möglich von den rund 150 Kilometern Fahrt zu erholen und freue mich nach fast drei Tagen Einsamkeit über etwas Gesellschaft.
Ich habe mich bewusst für eine Anreise ohne Begleitung entschieden: Der langsame Aufstieg ist nicht nur für meine Lunge gut, sondern auch für meinen Geist. Mein Körper soll sich an die Höhe gewöhnen, mein Kopf Ruhe finden. Eine Art Schweige-Zäsur, auf der ich mich auch mental auf den Rekordversuch einstellen kann. Obwohl ich ziemlich nervös war vor der Abfahrt, freute ich mich, dass es endlich losging. Schliesslich habe ich mich über ein Jahr vorbereitet und vielen Menschen von der Idee, einen Sechstausender zu befahren erzählt, ohne es aber schon geschafft zu haben.
Früh am Montagmorgen bin ich von Leh aus gestartet: Durchs Industal ging es über Teerstrassen durch kleine Dörfer. Ständig überholten mich grosse Tata-Lastwagen und bliesen mir ihre Abgase ins Gesicht, nicht gerade angenehm! Im Dorf Sasoma besuchte ich das Haus eines alten Freundes, dem Horseman Tashi. Er hat mich auf vergangenen Expeditionen zuverlässig begleitet. Letztes Jahr habe ich ihm einen Zahnarztbesuch bezahlt, da er während der Tour zwei Wochen lang unter starken Zahnschmerzen litt und aus dem Mund blutete. Stolz präsentierte er mir jetzt den gezogenen Zahn und die Zahnbürste, die er sich gekauft hatte.
Am zweiten Tag verliess ich die Zivilisation endgültig und bog in ein einsames Seitental ein. Mein Herz machte einen Sprung, als ich endlich die Strasse verlassen konnte. Einsamkeit und Abenteuer - genau das, was mir gefällt! Nach sechs Stunden Fahrt machte ich einen frühen Feierabend, gönnte meinen Beinen etwas Erholung und wollte eigentlich die Bergwelt geniessen. Mittlerweile war ich nämlich ganz entspannt: All der Vorbereitungsstress, das Durchdenken von Möglichkeiten, die Gespräche über die Planung und Risiken in den letzten Tagen vor der Abfahrt waren schon weit weg. Aber dann begann der grosse Regen und ich betete, dass mein Biwack dicht halten würde. Morgens um vier war ich trocken, dann liess der Biwack durch und mein Schlafsack wurde nass. Ich entschied, sofort aufzubrechen und fuhr noch in der Dämmerung los.
Heute um 12:00 traf ich im Camp bei den anderen ein und freute mich wie ein kleines Kind über das Mittagessen. Ich hatte einen Bärenhunger und verschlang den Reis mit Eiern und Salat. Nun erhole ich mich hier im Camp für zwei bis drei Tage und hoffe, dass sich das Wetter bald bessert.
Aufgezeichnet von Mirjam Fuchs.

Tashi und Claude beim Beladen der Pferde bei einer Expedition im Juli 2009. Bild: Martin Bissig.